Ich bin 1958 geboren und wurde kurz nach meiner Geburt von meiner Mutter weggegeben. Warum genau, weiß ich bis heute nicht. Was ich aber weiß: Meine Großeltern haben mich sofort aufgenommen. Ohne Zögern. Ohne Bedingungen.
Sie haben mir ein Zuhause gegeben, als ich noch nicht einmal wusste, was „Familie“ wirklich bedeutet.
Meine ersten Jahre habe ich mit meinen Großeltern in Rahlstedt verbracht. Ich erinnere mich nur bruchstückhaft daran, aber es war ruhig, überschaubar, irgendwie geborgen.
In den 1960er-Jahren sind wir dann nach Niendorf gezogen, in die Wendlohstraße 155. Dort habe ich bis zu meinem 13. Lebensjahr gewohnt.
Das war die Zeit, die ich bis heute am meisten vermisse. Vielleicht, weil dort noch alles in Ordnung war. Vielleicht, weil meine Großeltern noch gesund waren. Vielleicht auch, weil ich dort noch Kind sein durfte.
Niendorf war für mich Freiheit: draußen spielen, Straßenbahn sehen, Menschen kennen, die sich noch kannten. Wenn ich heute eine Bahn sehe oder durch alte Straßen fahre, kommen diese Erinnerungen wieder hoch. Und ich merke: Diese Zeit fehlt mir.
Mit 13 Jahren sind wir nach Wilhelmsburg gezogen, in den Schwentnerring 2c.
Meine Großeltern sind damals dorthin gezogen, weil sie gehofft haben, dass meine Eltern mich dort öfter besuchen würden. Das ist aber nicht passiert.
Meine Mutter habe ich so gut wie nie gesehen. Das hinterlässt Spuren. Auch wenn man versucht, stark zu sein.
Später bin ich noch nach Neuhof gezogen, in den Ole Karkhof, erste oder zweite Etage – ganz genau weiß ich es nicht mehr. Da war ich schon selbstständiger, jung und überzeugt, alles besser zu wissen als die Alten.
Aber egal, wie erwachsen ich mich gefühlt habe: Meine Großeltern standen immer hinter mir. Sie haben mich unterstützt, mir geholfen und mir Rückhalt gegeben.
Ohne sie wäre ich wahrscheinlich ganz woanders gelandet – oder vielleicht gar nicht mehr hier.
Dann kam der Tag, an dem mein Opa gestorben ist. Das war ein Einschnitt.
Danach wurde nichts mehr wie vorher. Meine Oma wurde mit der Zeit dement. Sie wurde verwirrter, verlor den Bezug zur Realität.
Das tat weh, zuzusehen, wie jemand, der so stark war, langsam abbaut. Aber so ist das Leben. Man kann es nicht aufhalten.
Seit der Zeit habe ich das Gefühl, dass in meinem Leben vieles drunter und drüber ging.
Und auch draußen in der Welt hat sich etwas verändert. Die Menschen sind aggressiver geworden. Die Hemmschwelle ist gesunken.
Früher hat man sich gestritten oder geprügelt – und dann war Schluss.
Heute hat man Angst, dass jemand ein Messer zieht. Respekt gibt es kaum noch.
Wenn ich heute durch Wilhelmsburg gehe, dann ist es nicht der Stadtteil an sich, der mich traurig macht. Es ist das Gefühl, dass alles rauer, kälter und gleichgültiger geworden ist.
Auch politisch habe ich das Gefühl, dass vieles verloren gegangen ist.
Früher gab es Politiker, die noch Haltung hatten. Für mich waren das Menschen wie Willy Brandt und Helmut Schmidt.
Die hatten Fehler, ja. Aber sie hatten Verantwortung, Charakter und haben das Land geführt, nicht sich selbst.
Heute habe ich oft den Eindruck, dass viele nur noch für sich selbst sorgen. Dass der einfache Bürger keine Rolle mehr spielt.
Die schöne, gute alte Zeit kommt nicht zurück. Das weiß ich.
Aber ich trauere ihr trotzdem hinterher.
Vor allem der Zeit mit meinen Großeltern.
Sie haben mich aufgenommen, als mich sonst keiner wollte.
Sie haben mich großgezogen, als meine Eltern nicht da waren.
Sie haben mir Werte beigebracht, ohne große Worte: Anstand, Durchhalten, Zusammenhalten.
Wenn ich heute zurückblicke, dann sehe ich kein perfektes Leben.
Aber ich sehe ein Leben, das nur möglich war, weil zwei Menschen gesagt haben:
„Den Jungen lassen wir nicht allein.“
Und dafür werde ich ihnen für immer dankbar sein.